...sich zu erinnern
ist die Sendung
des Menschen
auf Erden

Henry Miller

Mirjam Dröge
Berlin

Sebastian Isacu
Hamburg
   

Wolfgang Roy
Weiden

Scott Patrick Wiener
Boston

Zaneta Zmudova
Prag


The Luxury
of Distance


Eröffnung: Fr. 26.10.2012 - 20h
Ausstellung: 26.10.2012 - 25.11.2012 im Kunstverein Weiden

 




Der Titel der Ausstellung ist geborgt, "The Luxury of Distance" (2008 - 2010) heißt die Arbeit des amerikanischen Mitausstellers Scott Patrick Wiener, die uns vor zwei Jahren angeboten wurde, ihr Titel passt in ihrer Mehrdeutigkeit so gut zu unserer Ausstellung, die 5 sehr unterschiedliche künstlerische Positionen zum Licht-Thema Erinnerung vereint, dass wir uns entschieden haben, selber nicht weiter kreativ werden zu wollen.

 

In allen Arbeiten geht es um die Frage der Ganzheit im Land des Vergessens, um die menschliche Integrität, die schon jede Alltags-Begegnung zu einem Abenteuer im zwischen-menschlichen Distanz-Raum macht. Wir erleben, wie das Kunstwerk zum mnemotechnischen Türsteher wird, es lässt uns in einen individuellen und kollektiven geistigen Raum ein, der sich im Zusammenspiel von Rückblick, Aus-dem-Auge-Verlieren und Ausschau wandelt und laut Plato die Kernzone des Menschlichen ausmacht. Jede Erkenntnis begreift Plato als Wieder-Erinnerung.

 

Und wir wollen wissen, was das Luxuriöse, das Glanzvolle und Lichthafte der Distanz ist, der wir das Erlebnis der Nah-Ferne verdanken. Zeit ist vergangen, Abstand entsteht, das gehört zum Wesen der Erinnerung. Was ist dann unter der Erinnerungs-Arbeit, deren Produkte hier vorliegen, zu verstehen? Die Arbeiten können und wollen dazu keine abschließenden Antworten geben, das gehört zum Wesen der Kunst, sie zeigen die Kunst als ein Können, das nicht nur mit dem Räderwerk unserer Ratio, sondern vor allem qua Einfühlung olympisches Licht in die Unterwelt bringt.

 

Der Begriff Luxus ist in der Regel negativ konnotiert und erzeugt das Gefühl von Unverdientheit, etwas unverdient Schönes wird erlebbar, das anderen vorenthalten bleibt, in Scott Patrick Wieners Serie, die romantische Naturaufnahmen auf dem Gelände einstiger Konzentrationslager zeigt, ist dies der Umstand, einfach am Leben zu sein. In 8 Bildern auf einer Strecke von 10 Metern treten dem Betrachter Dome und Arenen aus Wald, Buschwerk und Gras entgegen, im Zwielicht dieser Räume trifft die Schönheit und das geschichtslose Schweigen der Natur auf das Wissen um das Faktum und das Grauen des Holocausts, das alle Sagbarkeit überschreitet.

 

Die Vorgeschichte zu dieser Ausstellung ist die, dass 2007 bis 2011 eine Ausschreibung des Kunstverein Weiden zum Thema „Erinnerungsarbeit“ auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft deutscher Kunstvereine AdKV stand; der Kunstverein Weiden suchte künstlerische Arbeiten und Konzepte, die sich im engeren und weiteren Sinne auf das Nazi-Unrecht bis 1945 und ihre heutigen Spuren im kollektiven und individuellen Gedächtnis beziehen.

Der örtliche Bezugs-Punkt zu dieser Thematik war die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, mit der wir 2008 im Rahmen des oberpfalzweiten Projektes „Standpunkte-Landeplätze“ eine Installation der tschechischen Künstlerin Michaela Hladikova und eine Plastik des Oberpfälzer Künstlers Alois Öllinger gezeigt haben.

 

Scott Patrick Wiener ist einer der Künstler, die sich auf die Ausschreibung hin meldeten. Das Projekt wurde 2011 auf Eis gelegt.

In der Ausstellung jetzt stellen wir 5 Künstler/innen vor, deren Arbeiten in den letzten Jahren nach verschiedenen thematischen Rubriken sortiert in die engere Wahl gekommen waren, und wir zeigen sie jetzt unter besagtem Titel in einem neuen, dem oben skizzierten Zusammenhang.

 

Mirjam Dröge "Von der Abwesenheit"

 

Mirjam Dröge (geb 1978 Eppingen / Berlin) studierte u.a. 2000-07 an der HGB Leipzig bei Prof. Joachim Brohm & Heidi Specker / Klasse für Fotografie & Medien. In der Ausstellung sind die Arbeiten "Das Leben meiner Großmutter nach '45" und "Von der Abwesenheit" zu sehen.

 

Mirjam Dröges Arbeit, die neben Aktionen im Kontext Ökologie und Stadt-Raum vorrangig fotografischer Art ist, verbindet die Ideen der Sozialen Plastik, des Urban Gardening und die Wahrnehmung der Wohnwelt als Skulptur. In diesem Zusammenhang stößt der Betrachter auf die Muster einer Raum-Poetik, in denen der Winkel, die Ecke, das Muschel-Artige, Nest und Ränder tragende Bedeutung haben.

 

Die Motive ihrer Arbeit sind zahlreich: der Baum als Lebensraum und Sinnbild von Verwandtschafts-Beziehungen, deren knorrige Verästelungen sich administrativer Linearität widersetzen; das windgepflanzte Grün in den Rissen, Fugen und Winkeln der Stadt und auf Mirjam Dröges Balkon, für das die Künstlerin Patenschaften vermittelt; Wildkräuter, in der Art der Scherenschnitte von Phillipp Otto Runge dargestellt, in denen die Gegensätzen von Licht und Finsternis ins gestalthaft Bleibende finden; körpernahe Rückzugs-Räume: unter der Kapuze, hinter den geschlossenen Lidern, in einer Baum-Nische, im Baum-Haus, unter einer Decke, unter der das Zusammenschließen um sich selbst den Keim des Hauses in sich trägt (Gaston Bachelard); Standplatz-Markierungen, die auf weggestellte Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände verweisen.

Baumhaus, Nest, Balkon, das Fehlende im leeren Umriss: die Begriffsübergänge sind fließend, und gemeint ist immer der Einsiedlerkrebs, der für seinen verletzlichen Körper ein passendes Haus sucht; in Dröges Wild-Pflanzen-Patenschafts-Aktion ist dieses Haus die funktionierende, ökologisch orientierte Gemeinschaft.

 

Die ausgestellten Arbeiten verbindet ein gemeinsamer zeitgeschichtlicher Bezug. 1945 war für viele deutsche Familien eine unüberwindliche Mauer des Schweigens, man lebte in Abwesenheit des Gewesenen und glaubte in der Zeit des Wirtschaftswunders an die Illusion eines von Grund auf neuen Lebens. Das gesellschaftliche Leben hatte Züge eines Neo-Biedermeier, das mit Couch, Eiche rustikal und Fernseher die kollektive Gedächtnislücke füllte.

Mirjam Dröge codiert in ihrer Arbeit "Von der Abwesenheit" die westdeutsche Wohn-Welt, die unter dem Signum Eiche rustikal stand, zum Erinnerungs-Raum um. Dies tat sie durch Entfernung einzelner Gegenstände und deren Standplatz-Markierung mittels Klebeband. Die leeren, uneindeutigen Umrisse auf Regalen und Böden stellen Fragen, Fragen nach dem Abwesenden und Vergessenen, das im gegebenen künstlerischen Rahmen den Sinnbild-Charakter zeitgeschichtlicher Gedächtnis-Lücken erhält.

 

Die Arbeit "Das Leben meiner Großmutter nach '45" schließt daran an. Eine kleine Ledertasche mit Fächern voller Fotografien und anderen persönlichen Dokumenten öffnet sich wie eine Auster und gibt ihr Innenleben preisgibt, ein Weiterleben in privaten, nicht mehr zu entziffernden Symbolen; der einzelne Winkel aus altem, abgenutzten Leder demonstriert das Fragmentarische der individuellen Existenz und den fehlenden Anschluss an das gemeinschaftliche Raum-Ganze, das die Schweige-Mauer versperrt. Von der Enkelin gefunden wird die Ergänzung im Kunstwerk hinzugedacht, eine liebevolle, letzte Verbindung mit einer persönlichen Bezugs-Person und Zeitzeugin, die nicht mehr befragt werden kann.

Was ist geblieben?

Individuelles Festhalten am Eigenen, das ist Perle und Kern, der private Widerstand gegen das Vergessen erfährt in der künstlerischen Fotografie eine metaphorische Überhöhung in Allgemeine.

Das kleine abgewetzte Taschen-Archiv wird zum Symbol von Erinnerungsarbeit und Identitäts-Suche überhaupt. Beides beginnt auf der persönlichen Ebene, ohne die wäre jede Kultur wurzellos.

 



Sebastian Isacu "o.T. 2004"

 

Sebastian Isacu (geb. 1978 in Cisnadie / Rumänien seit 1984 in Deutschland / Kassel, Hamburg) studierte bei Bernhard Prinz in Kassel, der KV lernte ihn über die Vermittlung von Markus Voit (Teilnehmer an unserem Nachwuchs-Förder-Programm: Quite Early One Morning + BAUMRAUM, 2002/05) kennen.

 

In Isacus Serien, seinen Personen- und Ding- Portraits im Außen- und Innenraum, verharren Figur und Grund in einem traumwandlerischen Schwebe-Zustand. Hier scheinen prägende und einschränkende Kraft des Realitätsprinzips und die Sehnsucht nach Autonomie ins Gleichgewicht zu finden. Dabei tritt neben den ins Ideale entrückten menschlichen und dinglichen Alltags-Protagonisten das kristallin Atmosphärische der Bilder als eigenständige Gestalt auf, als Orte, wo Ferne und Nähe miteinander verschmelzen, als Verkörperung der Kunst und der Glauben stiftenden Kraft der Bilder. 

 

Was unser Interesse an Isacus Arbeit besonders erregte, war der Umstand, dass der Künstler aktuell an einem Portrait-Projekt arbeitet, das sich mit dem Leben der Menschen aus dem Bereich des Truppen-Übungs-Platzes Grafenwöhr befasst. Diese Arbeit ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

In der Ausstellung ist seine 12 teilige Serie „Noroc“ (Glück) zu sehen, die 2004 - 2008 entstanden ist. Hier setzt sich Isacu mit dem Thema "Distanz und Nähe" auseinander, er zeigt Ganzköper-Portraits von Zufalls-Bekanntschaften, die er an Omnibus-Haltestellen herstellte, die allein stehenden Personen scheinen wie in einem transparenten Kokon psychologischer, geographischer und kultureller Verbindungen eingewoben zu sein, die Wartenden treten aus dem Alleinsein in die Weltumfassung des "nunc stans", in die Fülle des Augenblicks, in dem die Zeit stehen bleibt.

Die Darstellung der Personen als Medien der mystischen Seite des Alltags verbindet Isacu kontrapunktisch mit den futuristisch-heroischen Abgrenz-Zeichen rumänischer Ortseingänge aus Beton. Auf einigen dieser Zeichen sind die Worte „Oras Martir" zu lesen, wörtlich übersetzt heißt das "Märtyrerstadt" und soll sagen, dass im Aufstand gegen das Ceau?escu-Regime 1989 Bürger dieser Stadt zu Tode gekommen sind.

 

Isacu äußert sich über seine Arbeit selber, wie folgt:

"In der Fremde, an einem Ort wie einer Bushaltestelle und im Zustand des Wartens auf den Bus nach Hause scheint ein Mensch plötzlich bei sich zu sein, in dieser Distanz zwischen den Orten, welche auch die zwischen uns ist: und ich fange an mich zu fragen, was das ist und wie es soweit kommen konnte.

Und mir scheint, ein Stück gemeinsam erlebter Geschichte versöhnt persönliche Vorstellungen und Wünsche unterschiedlicher Menschen. Sie kommen sich näher. Sehnsucht schlüpft in ein Paar neue Schuhe.

Und doch geht jeder damit seinen eigenen Weg, bastelt für sich an einer eigenen Geschichte und versucht zu einem guten Ergebnis zu kommen.

"Noroc" bedeutet Glück auf Rumänisch.

"Noroc" ist das, was mir viele dieser Personen nach unserer Begegnung mit auf den Weg gaben. Glück ist das, was ich dabei empfinde."




Wolfgang Roy "Altar"

 

In seiner Arbeit "Golgatha" greift Wolfgang Roy (geb 1959/ Weiden) auf eine skulpturale Arbeit von sich zurück und verdichtet deren topografischen Aspekt. Wolfgang Roy fertigt seit 2000 in einem neu- und nachschöpferischen Akt silberne Miniatur-Repliken von Kruzifixen aus den Kirchen der Oberpfalz, die Bestandteil eines regionalen Devotionalien-Museums werden könnten und auch als Halsschmuck zu tragen sind.

 

Die ausgestellte Serie zeigt 12 fotographische Tableaux, die aus jeweils drei Einzelbildern, bestehen, einem großen und zwei kleinen: Brustportrait mit Kreuz-Halsschmuck, Aufnahmen der Kirchen, aus denen die Kreuze stammen, und von deren Altarraum mit Original-Kreuz. Die Brust- und Kreuz-Darstellung tritt identisch als Groß- und Klein-Bild auf.

 

Die Einzelbilder verbinden sich im Vorgang der unwillkürlichen Blick-Bewegung zu unterschiedlichen, immer wieder neuen Raum-Gestalten. Träger-Person, Kreuz und Örtlichkeit erscheinen dabei abwechselnd als Elemente sozialer, religiöser, geschichtlicher, kultureller und geographischer Zusammenhänge.

 

Die ästhetische Struktur der Bilder ist so komponiert, dass der Wechsel der inhaltlichen Ebenen in seiner Folge offen bleibt und frei assoziativ ablaufen kann: Zwischen dem Leidensbild des Gekreuzigten und dem Lebensbild der fotografierten Person, zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Kollektiv und Ich öffnen sich Deutungs-Wege, die über den konfessionellen Rahmen hinausführen.

 

Das Kreuz-Zeichen erscheint als inhaltliches Amalgam, in dem sich die Bedeutungen Foltergerät, architektonische Ordnungsform, Erlösungssymbol und ästhetischer Gegenstand gleichwertig miteinander verflechten.

Einen besonderen Schwerpunkt bildet darüber hinaus die Wiederholung von Brustbild und Kreuz als Groß- und Klein-Bilder. Sie betont den Eigencharakter von Bildern als reproduzierbares Medium und führt in der Form der Wiederholung zur Frage nach dem Verhältnis von Ich-Identität, Gemeinschafts-Geist und Masse. 

 

Die Serie in ihrer 12-teiligen Gesamtheit spielt mit der Zahl 12 auf das liturgische Moment der 12 Kreuzweg-Stationen an. Das topografische Netz, das hier aus der Verbindung der zwölf Ortschaften entsteht, legt sich wie eine Landkarte, die den Erlebnis- Raum religiöser Tradition und seelischer Selbsterfahrung sichtbar macht, über das amtliche Bild der Oberpfalz.

 

Eine entsprechende Überblendung und Kommunikation erlebt der Betrachter zwischen der Physiognomie der realen Personen, die das Kreuz als Halsschmuck tragen, und dem Ausdruck der sakralen Kunstwerke, der Kruzifixe, die jeweils ein nach verschiedenen stilistischen Traditionen gefertigtes Epochen-Bild zeigen. Das geistige Bild, das sich dabei in Kontrast, Überlagerung, Austausch und Verschränkung von kulturellem Muster und individuell- eigenem Erleben entwickelt, vermittelt die menschliche Körperlichkeit als existentielle und heilsgeschichtliche Schwelle, die jede Zeit und Lebensphase über sich hinaus leitet.


 

Scott Patrick Wiener
"North From Prisoner's Barrack at Mittelbau-Dora (2010)"

 

Scott Patrick Wiener (geb 1977, Baltimore / Boston) studierte am Massachusetts College of Art und am Art Institute of Chicago. 2009-10 arbeitete er im Rahmen eines DAAD- Stipendiums für Bildende Kunst in Leipzig. Aus dieser Zeit stammt der Kontakt zum Kunstverein Weiden. Momentan unterrichtet Wiener an der Brandeis University/ Waltham und am Bunker Hill Community College / Boston.

Bei Wieners Arbeit "The Luxury of Distance" (2008 – 2010) handelt es sich um eine historische Spurensuche, in der das Vergessen mit dem Bild der natürlichen Sukzession, dem Überwachsen vegetationslos gehaltener Bereiche, parallel gestellt wird. Wiener zeigt großformatige Naturaufnahmen, die an ehemaligen KZ-Standorten entstanden sind. Im Gegensatz zu den formal strengen und inhaltlich eindeutigen Schwarz-Weiß-Arbeiten ("totenstill") von Dirk Reinartz, die wir 2009 im Kunstverein zeigten (Kooperation Galerie m, Bochum), sieht der Betrachter auf Wieners Bildern aber nichts, was mit dem geschichtlichen Sachverhalt in Verbindung zu bringen wäre. Neben den Zeit-Angaben, die der Fachmann qua Stammstärken, Dickicht- Dichte, Vegetations-Mischung und Wuchshöhe machen könnte, ist es vielleicht noch die gewählte Weg- und Lückenlosigkeit des Bewuchses, die thematisch eine diffuse Verbindung zur Sphäre menschlicher Tatorte herstellt. Und die Sicht ist immer begrenzt, sie reicht nirgends weit genug, um sich befreit zu fühlen, die unermessliche Offenheit geträumter Räume stammt nicht von hier. Hier wächst eine Menschen-Raum fressende Natur vor sich hin, die den Trost der Bäume nicht zu kennen scheint.

Dem Augenschein nach aber sind es stille, friedvolle Impressionen, die den Wandel der Natur im Zyklus der Tages- und Jahreszeiten sehen lassen. Die Aufnahmen entstanden an verhangenen Tagen, der Blick, der Anhaltspunkte sucht, kehrt immer wieder dorthin zurück, wo ein Sonnenpunkt die Dunst-Decke durchdringt. Im abgeschirmten Gegenlicht treten die botanischen Details in der Prägnanz eines "mittelalterlichen Paradies-Gärtleins" in Erscheinung. Die gestochen scharf gezeichneten Erscheinungen von Wald, Wiese und Buschwerk formen sich zur ästhetisch berührenden Örtlichkeiten.

Doch die landschaftliche Normalitäten, die Natur- Texte, die über die atmosphärische Ahnung hinaus keine historische Aussage machen, sind Orte des Grauens gewesen, der Reduktion des Menschseins auf seine nackte Materialität. Die visuellen Kennzeichen dieser Orte, die anderswo Spuren zurückgelassen haben und dokumentiert sind, sind an diesen Stellen unter dem Zugriff der Vegetation unkenntlich geworden. Über die Spuren der Vergangenheit scheint das Gras wie überall zu wachsen und einer Imagination von Caspar David Friedrich Raum zu geben.

Vergegenwärtigen wir uns beim Betrachten der Bilder, in deren Gestochenheit das botanische Wissen seine visuelle Formel erhält, die Titel, schlägt der Eindruck melancholischer Dome und Arenen aus Wald, Buschwerk und Wiese, die den Einsamen zum Betreten einladen, abrupt um. Ein Riss geht durch die Welt und wird sichtbar. Die Böden hier scheinen für alle Zeit unbetretbar. Was können wir über das Wesen der Natur und der Menschen-Natur wissen? Diese Frage, die sich trotz höchster Dringlichkeit nicht beantworten lässt, wird uns immer wieder hier her führen.

Scott Patrick Wiener schreibt dazu selber:

"Picturing the unseen has recently led me to explore how historical trauma is memorialized and preserved using photographic documentation. Because of the overwhelming stock of pictures used to describe the liberation of the Concentration Camps from the time of the Third Reich, one has a specific imagistic reference whenever the word Holocaust is uttered. However, these pictures cannot adequately conjure the depicted experience of this past – they stand as points of reference. Adorno once argued that "To write poetry after Auschwitz is barbaric". This formulation properly emphasizes that whenever the Holocaust is aestheticized, the object in question diminishes the victim's experience. In "The Luxury of Distance" I use the traditional photographic language of beauty in nature combined with descriptions of geographical trauma – a kind of poetry in reverse."


 

Zaneta Zmudova "Navraty"

 

Zaneta Zmudova ( geb.1985 / Prag) war Studentin bei Rudo Prekop an der FAMU / Prag, ihre 11-teilige, kleinformatige Arbeit NÁVRATY (Rückkehr) verbindet 11 Erinnerungs-Fotos aus dem Familien-Album, die den Werdegang vom Kind zur Jugendlichen festhalten, mit aktuellen Ganzkörper-Portraits, dort ist die Künstlerin an eben die Orte zurückgekehrt, die auf den alten Fotografien zu sehen sind. Die Erinnerungsfotos sind schwarz-weiß und unterschiedlich groß und sie bilden mit ihren farbigen, quadratischen, gleichgroßen Jetzt-Zeit-Pendants übereinander stehende Paare (jeweils 23 x13 cm), wobei die unbunten historischen Aufnahmen die Kopf-Position einnehmen.

 

Abgesehen von Format und Farbigkeit gibt es zwischen den Amateuraufnahmen und den Aufnahmen, die im künstlerischen Zusammenhang hergestellt wurden, keinen auffallenden formalen Unterschied. Beides findet harmonisch zusammen.

Das gilt bedingt auch für den inhaltlichen Zusammenhang. Im Bildervergleich sind zwar eine Vielzahl an Schauplatz- Veränderungen festzustellen, die über die Jahre stattfanden, die örtlichen Grundstrukturen und die gemeinschaftliche Atmosphäre existieren jedoch bruchlos weiter.

 

Die Szenerien des Familienlebens, die das Damals mit dem Heute verknüpfen, wechseln: Einkaufs-Strasse, Landstrasse, Garten, Wald, Wohnblock, Vorort-Häuschen, Badestelle. Die Bilder sind konventionell, aber bedeutungsvoll, sie zeigen Motive der Eingebundenheit mit Geschwistern, Eltern, Großeltern, Nachbarn und den Tieren. Die Jahreszeiten wechseln. Schnee im Obstgarten.

 

Das Kind und die Jugendliche, die der Betrachter auf den Schwarz-Weiß-Bildern wahrnimmt, sind erwachsen geworden. Die Erwachsene, der wir bei ihrer Rückkehr an all die vergangenen Schauplätze alleine begegnen, ist eine junge, schlanke, mädchenhafte Frau in schwarzem, overall-artigem Gewand, sie nimmt eine streng aufrechte, säulenartige Haltung ein. Sie steht an der alten, jetzt menschenleeren Badestelle bis zu den Knien im Wasser.

 

Die schwarze Vertikale, die im Auftritt der Künstlerin zur Erscheinung kommt, geht mit den Achsen der Bildkomposition, sie schlägt in ihrer unbunten Farbigkeit eine Brücke zu den Bildern der Vergangenheit und macht somit die Figur als Angehörige zweier Welten kenntlich, als Teil der sozialen und als Teil der ästhetischen Welt.

Das ist besonders nachdrücklich im letzten Bilder- Diptychon zu erkennen.

Die Künstlerin tritt in ihrer künstlerisch formalisierten Körperhaltung nicht mehr alleine auf, das Bild zeigt sie als Zeit und Raum entrückte Erscheinung im Kontrast zum geerdeten Treiben ihrer Familie. Ungezwungen und erwartungsvoll platziert man sich um ein Grill-Feuer. Die Schwarz-Gekleidete ist kein Fremdkörper, sie wirkt entrückt, aber nicht fremd.

Was die junge Frau, die sich abgrenzt, auch weiterhin in den familiären Alltag integriert, ist der unübersehbare Zuhause-Charakter, der sich aus ihrer Umgebung Bild für Bild bis heute nachvollziehbar in ihrem Körper- Tonus niedergeschlagen hat. Ein Vorgang ist das, der uns aufzeigt, dass der menschliche Körper das eigentliche Haus-Innere, der Kern unserer Lebensräume ist, und er trägt im Glücksfall die Wände des Hauses wie ein maßgeschneidertes Gewand.

 

Das Kind und die Jugendliche, die der Betrachter bis hierher begleitet hat, sind erwachsen geworden. Der Außenraum, der so viele Jahre lang wie eine zweite Haut saß, passt nicht mehr wirklich, er hat die Kühle und Härte einer Schale, die dem Keim des Neuen die gebotene Zeit lang Zuflucht geboten hat. Die schwarz gekleidete menschliche Gestalt erscheint in ihrer Unbeweglichkeit wie ein in der Verpuppung erstarrtes Wesen, überrascht, aus seinem Versteck hervorgeholt, vom Licht geblendet. 



Wolfgang Herzer