Von A bis Zett

Teil 2

Der BBK (Berufsverband bildender Künstler) Niederbayern/Oberpfalz
und seine Künstler/Innen von N bis Z

Dazu:
Anlässlich 30 JAHRE ATOM-STREIT-ENDE WACKERSDORF
Ideen für das WAA-Gedenkstätten-Projekt „Endlager der Erinnerung“
Korbinian Huber, Günter Mauermann, Gruppe Paradoxa, Matthias Schlüter, Tone Schmid, Mariana Steiner +  Gäste: Thomas May, Edgar Pielmeier 

Eröffnung
Freitag, 2. Februar, 20 Uhr

Ausstellungsdauer
2. Februar – 29. April 2017

Geöffnet
So 14 – 18 Uhr, Do bis Sa 21 – 24 Uhr
Eingang durch das Vereins-Lokal Neues Linda

Der BBK Niederbayern/Oberpfalz und seine Künstler/Innen von N bis Z:

Eva Nemetz, Susanne Neumann, Peter Nowotny, Johanna Obermüller, Albert Prechtl, Doris Ranftl, Raimund Reiter, Stefanie Reiter, Rudolf Riederer, Isolde von Reusner, Barbara Regner, Christine Rieck-Sonntag, Heiner Riepl, Renato Rill, Helmut Rösel, Martin Rosner, Lena Schabus, Christoph Schießl, Matthias Schlüter, Tone Schmid, Axel T. Schmidt, Wolfram Schmidt, Jürgen Schönleber, Madeleine Schollerer, Leo Schötz, Maria Seidenschwann, Nina Seidel-Herrmann, Christiane Settele, Clemens Söllner, Erich Spahn, Mariana Steiner, Birgit Szuba, Georg Tassev, Peter Tischler, Liz Turba-Bernhardt, Luise Unger , Karlheinz Volland, Sieglinde Weindl , Bernhard Weiß, Herta Wimmer-Knorr, Wolfgang Wroblewski, Liz Zitzelsberger

 

Unter dem Titel „Von A bis Zett“ setzt der Kunstverein Weiden seine Ausstellungsreihe „Institutionen des Kunstbetriebs“ fort und zeigt in der Gesamtschau Teil 2 ein Portrait des Berufsverbandes Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz. Neben exemplarischen Arbeiten von rund 50 Künstlerinnen und Künstlern und einem Informationsbereich, der Struktur, Aufgaben und Geschichte der 1946 in Regensburg gegründeten berufsständischen Vereinigung zeigt, gibt es auch einen Bereich, der sich mit der jüngeren Oberpfälzer Geschichte, dem Thema WAA Wackersdorf, befasst.

Im „Endlager der Erinnerung“ werden Denkanstöße für eine zeitgemäße Gedenkstätte gesammelt, die auf dem ehemaligen Baugelände der Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstäbe eingerichtete werden könnte.

Dort verlief während der 1980er Jahre die Frontlinie zwischen bayerischer Staatsraison und bürgerlichem Ungehorsam, der im heutigen Rückblick wenigstens für viele der damals Betroffenen und den Kunstverein Weiden ein wichtiges Kapitel deutscher Demokratiegeschichte darstellt.

Eröffnungsrede:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst und des kreativen Lebens,

vor nicht ganz einem Jahr hieß es hier schon einmal „Von A BIS ZETT.“ Das war Teil 1, und der Kunstverein Weiden erhielt die Gelegenheit, ein Stück regionaler Kunstwelt zu portraitieren, in dem er den Berufsverband Bildender Künstler Niederbayern/ Oberpfalz selber mit ein paar inszenatorischen Kniffen in seinen Räumen als ästhetische DNS unserer Gegend und dreidimensionales Nachschlagewerk zur bildlichen Darstellung brachte, dabei durfte er das Vergnügen haben, die Meta-Ebene zu betreten und selber zum Künstler aus dem Bereich der Institutions-Kritik zu avancieren.

Der Titel „Von A bis Zett “ verweist lapidar auf die rein lexikalisch geordnete Teilnehmer-Menge der Aussteller/innen, was hier auch gerne auch schon mal als gleichwertig demokratisches Mit- und Zueinander gelesen werden darf, vielleicht als Wunsch-Bild-Widerschein des Künstlerischen an sich. Keine Jury, kein Ranking, kein Thema, reines Selbersein, das da am reinsten ist, wo es das eigene Anderssein unter den Anderen einschließt.

Die alphabetische Klang - und - Schrift- Zeichen-Reihe des Titels, die hier im künstlerisch symbolisierenden Zusammenhang auftritt, lässt sich dann auch wie ein Periodensystem lesen, das ABC erscheint als Bild schöpferischer Chemie, kreativer Kombinatorik und Verbindungs-Lust. Komisch, dass der Künstler selber gewöhnlich als Einzelgänger gilt, als einsame Spitze individualistischer Eigenheit, gerade er, der den Stoff schafft, an dessen Deutungs-Offenheit die Geister lernen, sich im Sich-Scheiden zu vereinen.

Außerdem informiert die Ausstellung über Geschichte, Struktur und Inhalte des BBK Niederbayern/ Oberpfalz, und verwendet dazu die Materialien von Teil 1.

Und noch eins: Wenn ich zu der Namensliste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Ortsverzeichnis lese, das mir zeigt, von wo sie alle herkommen, von überall her, von Blaibach, Nabburg, Cham, Abbach, Deggendorf, Pentling, Altentann, Neufraunshofen, Rimbach, Stulln, das sind noch Namen, dagegen stinken doch Venedig, New York, Barcelona, Kassel absolut ab, Stulnn, da kann man Stollen graben ...

oder!, wie auch immer, dann spüre ich, wie sich mein inneres, lokal zentriertes Raumgefühl weitet und öffnet und über die Ufer tritt, und wenn es mir dann erlaubt ist, mich einen Augenblick lang ganz diesem ozeanischen Gefühl hinzugeben, dann sind der Kunstverein Weiden und ich im Verein mit Euch diesen Augenblick lang der Nabel der Welt. Liebe Künstlerinnen und Künstler, ich danke Euch! Besten Dank auch an Birgit Szuba, Wigg Bäuml und Christoph Schießl, die beim Herbringen der Kunstwerke tätig waren.

Haben wir damit nicht schon alles Pulver, das uns zur Verfügung steht, verschossen?

Ja und Nein. A bisserl geht immer. Die Taten und Initiativen des BBK, mit denen er sich bundesweit und im Regional-Zusammenhang um die ökonomischen und strukturellen Bedingungen des Künstlerlebens und das Ansehen der professionellen Künstlerinnen und Künstler sorgt, sind beim letzten Mal bereits reichlich ausgeführt worden, im Info-Bereich der Ausstellung ist es wieder nachzulesen. Man denke an die Künstlersozial-Kasse! Die Kunst-am-Bau-Ausschreibungen ... Und Anderes ...! Das sind Dinge, in denen sich die Funktionalität des BBK von der Regional- bis zur Bundesebene hinauf verkörpert.

Worauf ich mich heute im Einzelnen fokussieren möchte, mit einem idealistischen Ruck weg von der knallharten Überlebens-Realität, die das künstlerische Dasein in Atem hält, ist, dass der BBK eben auch, wie es der Untertitel der Ausstellung bezeichnet, Institution ist, gesellschaftliche Verkörperung einer Kunstbegrifflichkeit oder einer kunstbegrifflichen Schnittmenge, deren Repräsentanten nicht immer darin konform gewesen waren, dass die Vereinsmeierei auch ihr Gutes hat.

Erlauben Sie mir hier also einen kleinen Essay über den Wandel des Kunst- und Künstler-Begriffs, wie ich ihn selber erlebt habe, und die damit verbundene Bedeutung der Kunst in der Gesellschaft.

Der BBK ist dabei Teil eines Betriebssystems, wie es 1994 Thomas Wulffen in einem erhellenden Artikel im Kunstforum darlegte, eines Betriebssystems, das in seiner Gesamtheit an der Herstellung und der Entwicklung des Kunstbegriffs und der künstlerischen Denk- und Handlungs-Formen mit ihren Hebammendiensten ebenso beteiligt ist, wie die Künstlerinnen und Künstler selber, die es mit den Freuden und Qualen der Kunstwerks-Geburten zu tun haben und ohne die es heute nicht zu gehen und doch zu gehen scheint. Der BBK, in unserem Fall der BBK Niederbayern/Oberpfalz mit Sitz Regensburg, trägt hier mit seinen Professionalitäts-Kriterien nicht unmaßgeblich zur Klärung der Frage bei, wann aus ästhetischen Herstellungen bei fließenden Grenzen und im heutigen Raum der totalen Medialisierung Kunst wird. Aber Vorsicht! Der Begriff Kunst ist dehnbar, sehr dehnbar und die Grenzen zur Unterhaltung, zum Kitsch, zum Kunsthandwerk, zum Design und zur Deko sind letztendlich zur Frage von Intention und Kontextverschiebung geworden.

Besagtes Betriebssystem steht also nicht für ein apparatives Funktionieren und planbares Produzieren, sondern für lebendige Interaktivität und man weiß nie genau, was dabei zur Welt kommt: Außerdem! Wir leben im Kapitalismus! Wahrheit oder Ware? Ist die Ware die Wahrheit? Wie viel Ware darf sein, muss sein, kann sein, um noch wahr zu sein?

Über all diese Relativierungen hinweg scheint die Kunstwerks-Geburt, das schöpferische Zur-Weltbringen, das schon mal langwierig sein kann, in der allgemeinen Anschauung elementarer und immer noch essentieller und mehr zu sein, als das andere.

Das könnte aber auch nur eine Sichtweise sein, die zur Gewohnheit geworden ist und nun beginnt in unserer flotten Netz-Kultur ähnlich unvorhanden zu sein wie bei vielen der indigenen Völker, die wunderbare Sachen machen bzw machten, wie die Schnitzerei-Vorgaben für Picassos Kubismus, ohne jemals etwas von dem Begriff Kunst gehört zu haben.

Über Unvorhandenheit des Kunstbegriffs brauchen wir uns im Betriebssystem Kunst nicht zu beklagen, ganz bestimmt aber gibt es Unüberschaubarkeit, die klagen lassen kann. Ja, wie schaut es in der Kultur aus, in der alles droht bzw verspricht, speziell unter der Flagge der Kreativ-Wirtschaft, zu Kunst zu werden, und die eine Megalomanie an Kunst-Verlautbarungs-Einrichtungen erzeugt, über deren Manifestationen nicht nur dem Laien Hören und Sehen vergeht. Handelt es sich dabei vielleicht nicht nur analog zu den Finanzblasen um Denkblasen, die Werte suggerieren, die in letzter Konsequenz ungedeckt sind.

Der Laie hat es da gut, er darf die Weisheit auf eine knappe Formel verdichten, eine Plattitüde aussprechen, die jeden unserer Schritte wie Kaugummi mit dem harten Boden der Realität verbindet und es genauso auf den Punkt bringt: Die Kunst ist ein dehnbarer Begriff und keine unveränderlich – ewige, universelle Größe, wie Künstlerin und Künstler gerne geglaubt hatten, als sie in den 1960er Jahren anfingen.

Angetrieben wurden sie vielfach von den Versprechen einer Kunst, die in den Museen und Privateinrichtungen den totalitären Kahlschlag und die Bombardierung der Museums-Städte überstanden hatte, und es herrschte der Glaube, vielleicht nicht unbedingt im Hafen der Liebesinsel Kythera anzukommen, aber doch irgendwie war das die Richtung.

1946 wurde der BBK Niederbayern/Oberpfalz in Regensburg gegründet. Keine Angst mehr davor, als entartet zu gelten.

Die wahre Kunst! Ist das nur ein naiver, alle Zeiten durchgeisternder Glaube, wie wir immer schon wussten, nach dessen Verfallsdatum wir uns aber nicht zu fragen getraut haben? Dieser Glaube bekam bei mir und meinen Freunden Rückendeckung vom fundamentalen Ernst der geistigen Gesamtlage Deutschlands nach dem Krieg, in der es ein kollektives Verbrechen gegen die Menschlichkeit über die Täter-Generation hinaus zu verarbeiten gab.

Kunst, die abstrakte Kunst, die sich meinte bis in die Wurzeln von allem ideologisch und propagandistisch Infizierten losreißen zu können, in Dada die Kunst selber hinter sich lassen zu können und einen allgemeinen Verblendungs- Zusammenhang bezüglich der wahren Menschen-Natur aufzureißen schien, rangierte in den kulturtragenden Kreisen der Gesellschaft als Sphäre zeitloser, unpolitischer, ideenweltlicher Reinheit. Wie lang das doch schon her ist! Zum einen. Zum anderen wirkte sie als Skalpell der Erkenntnis, das dann auch unter den utilitaristischen Lack der Wirtschaftswunderwelt und ihrer Dritte-Reich-Verdrängungsmechanismen drang. Hier drang sie zum Innersten Inneren vor, hier brachte sie die Wahrheiten von Kernspaltung und Freudschem Unterbewusstsein als Leitmotive auf den Weg, kritische Offenheit war das Erneuerungs-Prinzip, die ästhetische Kategorie dazu das Erhabene, das mit schwermütiger Schönheit gefangen nahm.

Und mit dieser Schönheit hatte man sich auf gefühlt ewig gebunden und in die Zukunft lenken lassen. Locken lassen vom Sirenen-Gesang aus dem Jenseits unserer überlieferten, scheinbar verbrauchten und repressiven Begriffe und Kategorien, in dem Kunsthistoriker wie Hans Sedlmair gegen Theodor W. Adorno den „Verlust der Mitte“ sahen.

Armer Theodor W. Adorno, wenn er sich zu uns ins Hier und Heute beamen müsste. In der Breite herrscht hier offensichtlich der Gebrauchswert von Kunst als Reibfläche kreativer Selbst-Entzünder und als Reblogging-Zunder, der dem Blick in die Herzen der Menschheit das nötige Licht spendet. Nicht Form und Inhalt des Kunstwerks und sein Verstehens-Appell sind maßgebliche Größen, die den Umgang mit dem Kunstwerk bestimmen, sondern es ist das Prinzip Kreativität für alle und gleichermaßen das Kreativ-Sein als Menschseins-Pflicht und Wesen, Künstler sind wir allesamt selber: Vivat, freizeitliches Narrenparadies, vivat! Es lebe der Kick, der Klick, das, was inspiriert, mobilisiert, Rembrandt als Kickstarter, wow!, wenn ich mit im Facebook meine Saskia like.

Inspiration ist angesagt, die sich weniger um den Wert des Gestalterisch-Werkmäßigen sorgt, sondern am Kunstwerk den Abrieb schätzt, den man sich reinzieht, der die User-Kreativität stimuliert und das subjektive Erlebnis-Moment in den Vordergrund schiebt, das Gefühl, die Qualität zu besitzen, die aus jedem Menschen einen Künstler macht. Jeder Mensch ist ein Künstler! Tatsächlich? Schau nicht zurück, dreh Dich nicht um, die Erkenntnis, die wir aus dem Rückblick gewinnen, sie könnte uns, Messdiener einer Kunst der versunkenen Zeit, zur Salzsäule oder sonst was werden lassen, auf dem Marsch durch das falsche, aber eben unser einzig habbares Leben. Die Lagerfeuern der Zeitlosigkeit,an denen wir unsere Hände gewärmt hatten, scheinen erloschen.

Dem aber könnte man auch eine gute Seite abgewinnen, sagt der Kunst-Autor Wolfgang Ullrich nach einer Analyse der modernen Kreativ-Gesellschaft und ihrer Herkunft, die ich unlängst gelesen habe, wenn man es unter dem Gesichtspunkt demokratischer Interaktivität und Reibungswärme qua kommunikativer Hände - Reichung Gleicher unter Gleichen betrachten würde. Gleicher unter Gleicher, die das Nichtwissens-Wissen haben, die Dehnbarkeit der Begriffe amüsant finden und sich in der Lust am Erleben verbinden.

Dabei sollten aber die und der Kreative, für die Kunst so etwas wie ein Ein-Euro-Markt oder Rohstofflager für eigene Netzeinfälle zu sein scheint, auch dem werkschaffenden Künstler und der Quell-Tiefe, an der er unter oft großem Zeitaufwand arbeitet, in Dankbarkeit verbunden sein. Immerhin schafft er seit Jahrhunderten die Reibflächen, die heute so emsig genutzt und vervielfältigt werden. Das also muss nicht unbedingt Verflachung heißen! Und gegen Dankbarkeit als ein die Kreativität begleitendes Lernziel, meine ich, ist grundsätzlich nichts zu sagen.

Soweit, dass wir alles, was Arbeit macht und auf Dauer setzt, obsolet ist und gleich im Müll-Container landen könnte, wie es 1998 beinahe dem Nachlass von Max Bresele passiert wäre, sind wir noch nicht. Verkörpert sich in den 1000 Artefakten von Max Bresele aus Uckersdorf, die wir gerettet haben, bleibende Werthaftigkeit?

Man sagt in dem Zusammenhang, da über die sogenannten bleibenden Werte reflektiert und diskutiert wird, gerne, dass nichts von Dauer ist außer dem Wandel, der sich nicht aufhalten lässt. Was will uns das sagen? Dass alles und eben auch die vielen wertgeschätzten, aber nicht verkauften oder sonst wie im Diesseits un-untergebrachten Kunstwerke verschwinden.

Der Mensch muss, wenn ihm das Leben glücken soll, so sagt man, so weiß man, als einzelner auch loslassen können, aber was ist das Loslassen, ist es vielleicht nur ein anderes Wort für Wegwerfen? Und was bedeutet das für die Gesellschaft, für die Gemeinschaft, für die vielen? Wegwerfgesellschaft !!

Fehlt nicht auch mit jedem weggeworfenen Stück, das sich in keine Sammlung, in keinen Safe, in kein Brandhorst-Museum hat retten können, genauso ein Element in der hermeneutischen Brücke, von der aus betrachtet, uns das Leben als Verstehens-Prozess entgegenkommt und es gelebt zu haben bedeutet, die Zeugnisse seines Wandels aufzubewahren, zu sammeln, neugierig, was noch kommt, neugierig, wie sich der Blick auf die Vergangenheit ändert? Doch, wo kommen wir da hin, wenn wir alles aufheben wollten?

In den Zeiten der Digitalisierung und Virtualisierung ist das kein wirkliches Problem, da passt ein betriebsfähiges Museum in den Laptop und die Stand-Orte müssen nicht München, Kassel, Bilbao, New York oder Hongkong heißen. Es ist eine Frage des kulturellen Bewusstseins, des kollektiven Selbstbildes, der geistesgeschichtlichen Professionalität, für die dank der Neuen Medien Raum in der kleinsten Hütte ist. Da können die Standorte gerne auch Blaibach, Nabburg, Cham heißen, oder Abbach, Deggendorf, Pentling, Altentann, Neufraunshofen, Rimbach, Stulln.

Überall kann er spürbar werden, der Atem der Geistesgeschichte, der selber wieder der Geschichte den Atem einbläst und die Mund-zu-Mund-Beatmung an den bleibenden Werten durchführt. Der Atem, der uns im Kunstmuseum empfängt, im Kunstmuseum Weiden empfangen würde, wenn wir eines hätten. Wenn jemand wissen will, was ich meine, kann ich einen Besuch im Keramik-Museum empfehlen, schräg über die Straße, hier in unserem Weidener Museums-Viertel, da ist dieser Atem, der den Besucher tief atmen macht. Bevor ich mich hinreißen lassen: Mund-zu-Mund-Beatmung an den bleibenden Werten! Der Gestus kann zum Verzweifeln peinlich sein. Als einzelner geht das nicht. Aber man kann als einzelner vormachen, wie es gehen könnte, und das machen wir heute mit Eurer Unterstützung, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Das große Wandbild von Max Breseles Wohnraum, das noch aus vergangenen Ausstellungen seit 1998 stammt, wird zum Bild der Schwelle zwischen den Zeiten, wir betreten den Raum, stolpern durch die Dämmerung aus den Scherben ins Licht und erleben im bodenständig - lebensweltlichen Rahmen eine Durchdringung verschiedener Raum-Ebenen, die in Struktur und Atmosphäre der Diaphanie gotischer Kathedralen entspricht.

Im Kontext dieser Bildbedeutung erhalten die Exponate, die Ihr uns für diese Ausstellung überlassen habt, eine besondere Leserichtung. Der nachzugehen kann reizvoll sein, wie ich selber festgestellt habe, als ich vor der Entscheidung stand, jede einzelne Arbeit diesbezüglich zu interpretieren oder es pauschal zu machen und als museumspädagogische Aufgabe ans Publikum weiterzugeben. Ich tue Letzteres.

Man bläst nicht mehr gegen ganz so kalten Stein, der absolut kein Kunstmuseum werden will, da ist hier ein temporärer Ort der Nachlass-Pflege und der lokalen und regionalen geistesgeschichtlichen Reflexion geworden. Und wenn sich das herumspricht. Da müssten dann mehrere ran. Dass im Künstlerhaus Fronberg drei Ankäufe stattgefunden haben, einer von Susanne Neumann, die heute auch hier ist, empfinde ich als ermutigend, ebenso der Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz, den der Kunstverein vor kurzem erhalten hat.

Eine diesbezügliche Groß-Maßnahme, bzw den Versuch einer solchen, habe ich im vergangenen Herbst an angemessener Stelle erlebt. In der Galerie der Künstler des BBK München, die Galerie der Künstler ist ein Stück des Völkerkunde-Museums. Die Liste der Aktivitäten und Themen hat sich damit, wie ich als ein Referent der Veranstaltung des BBK München „Halbwertzeichen- Langwert-Zeichen“ im Oktober 2017 erfahren konnte, um ein Segment erweitert, ich war mit einem Referat über den Werdegang unserer Max-Bresele-Museums auf diesem großen zweitägigen Symposion vertreten.

Es ging um das Thema der Künstler-Nachlässe, das eine Exklusivität des künstlerischen Daseins und speziell der lokalen und regionalen Kulturpolitik darstellt und ein Thema ist, das aus gutem Grund besonders in den Vertretern meiner Generation umgeht, die um 1945/50 auf die Welt kamen. So wertvoll man der Welt auch als Hersteller kultureller Wertsachen erscheinen mag, so leicht wird man der Nachwelt auch zur Last.

Letztere, Künstler und Kulturpolitik, werden da gefragt, wohin mit all dem Herzblut auf Leinwand, in Holz, Stein und Bronze, das in vielen Fällen schließlich auch als Kenn- und Wertzeichen lokaler und regionaler Kulturgeschichte und kultureller Identität zu sehen ist und als solches auch wahrgenommen werden sollte.

Die Beiträge, die das Thema unter juristischen, politischen und anderen relevanten Gesichtspunkten reflektieren, stehen im Internet. Die Veranstaltung betritt im Rahmen der Verbandsarbeit wie schon gesagt Neuland und sie ist außerdem das letzte Projekt des langjährigen BBK-Vorsitzenden Klaus von Gaffron, dem ich an dieser Stelle für sein Engagement und seine Freundschaft danken möchte. Wir waren seit Anfang der 1970er Jahre eng befreundet, es ist klar, das meine Gedanken, die sich um diese Ausstellung drehten, immer wieder suchend in die Irre gingen. Um die Organisation der Veranstaltung „Halbwertzeichen“ hat er sich bis zwei Tage vor seinen krankheitsbedingten Tod gekümmert. „Ein rastloses Leben für die Kunst“ könnte in den Granit gemeißelt stehen, der unsere Einladungskarte ziert.

Aktiv noch auf der Himmelsleiter, da sieht der stets einsatzbereite Vorsitzende die Gelegenheit, nach Spänle und Seehofer mit Petrus in Kontakt zu kommen, vielleicht über Ankäufe von Erleuchtungs-Gemälden oben im großen himmlischen Sitzungs-Saal zu verhandeln. Vielleicht hat er Erfolg! Vielleicht sind die Phantomschmerzen der Verbundenheit diesbezüglich auch als Wegzeichen zu deuten, als transzendentales GPS? Sein Witz, der uns so häufig über die Kunst und das Leben hat lachen lassen, fehlt mir sehr, ein Witz, gereift an den Erfahrungen, die man als Betroffener im Betriebssystem Kunst und drum herum macht und über 20 Jahre gemacht hat.

Dieser Glaube hatte große Zeiten gehabt, in der er über humanistische Felsenfestigkeit zu verfügen schien, auf der sich seit den frühen Nachkriegsjahren millionen-schwere Einrichtungen wie die documenta als säkulare Welt-Kunst-Kirchen errichten ließen.

Heute, da die Paradigmata des Europäischen schwächeln und ihr Erkenntnis-Licht im globalen Sturmwind flackert, suchen diese Kirchen, wie die documenta 14 mit ihrer Referenz auf Athen zeigt, vergeblich mit theoretischen Luftwurzeln nach festem Wurzelgrund.

Sollen sie, der persönliche Prüfblick, der sich mittlerweile an den Maßgaben der eigenen Endlichkeit schärft, durchschaut die kollektiven Mythen, faltet seine Dürerhände zum Gebet oder streichelt den Hasen oder gießt das Rasenstück.

Was soll man machen? Frag den Zen-Meister. Er sagt: Apfelbäumchen pflanzen und Ausstellungen kuratieren. Die Nachlässe scannen. Ein frischer, knackiger Apfel, von der grünen Oberpfälzer Streuobstwiese, und eine schön gehängte bzw gut gepostete Ausstellung sind nach wie vor eine Lust. Auf der privaten Ebene ist das immer gut.

Freilich, der Druck der allgemeinen Vorgänge lässt sich da nicht heraushalten. Wie schön haben doch meiner Generation, der Generation der Nachkriegskinder, die Sonne und die Sonnenblumen Van Goghs den Weg geleuchtet und die schwankenden Lichter in Picassos Guernica klargemacht, dass es nie wieder Krieg geben kann, wie schön leuchtete dann in der Lebensmitte die Plakat-Kinder-Sonne der Grünen mit dem Satz: Wir haben die Welt nur von unseren Kindern geborgt, und wie schön hässlich sang Josef Beuys dazu: wir wollen Sonne statt Reagan?

Jetzt haben wir sie, dazu den Wind, das Wasser, das Biogas, die Wärme-Kraft-Koppelung, die Energiewende, aber vielleicht 30 Jahre nach dem Ja von Wackersdorf zur energetischen Atom-Alternative zu spät. Die Oberpfalz war in den 1980er Jahren ihrer Zeit voraus, als ihre Bürgerinnen und Bürger mit bundes- und weltweiter Unterstützung auf die Barrikaden gingen. Jetzt schmelzen die Polkappen, das ist doch Scheiße, wir pflanzen Apfelbäumchen, mit AVAAZ, Greenpeace, Amnesty, einen ganzen Apfelbäumchen-Wald. Müde-Werden ist verboten.

Dieser Einstellung folgend führt der Kunstverein Weiden seit vier Jahren die Ausstellungsreihe „Institutionen des Kunstbetriebs“ durch. Hier werden nicht nur künstlerische Manifestationen präsentiert, kunstbetriebliche Grundlagenforschung betrieben und die Kunst- Begriffs-Geschichte untersucht, vor allem geht es um eine Art Knigge, eine Verhaltenslehre im kulturellen Raum, die mit der Meinung aufräumt, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt.

Gerade der Streit gehört zum Wesen des ästhetischen Urteils, das bezüglich der verschiedenen logisch-rational fundamentierten Urteilskräfte des Menschen auf produktivste Art im luftleeren Raum schwebt. Produktiv deshalb, denn zwischen privater Meinung und dem Fach-und Sach-Urteil, das die Wissenschaft fordert, wäre, so beschreibt das Kant im Geschmacks-Urteil, eine dritte Gültigkeitsform: die der Intersubjektivität, gemeint ist die unter gewissen normativen Bedingungen herbeigeführte Einigung zwischen Subjekten, die im ästhetischen Erlebnis „etwas ganz Tolles“ haben, das sie aus menschlich-allzu menschlichem Grundsatz heraus teilen wollen, gleichwohl es sich seinem Wesen gemäß auf keinen mitteilbaren, verbindlichen Begriff bringen lässt. Überzeugen statt zwingen.

Die Brücke, die hier als eine in der Auseinandersetzung zusammengebaute Verbindung trägt, ist in der bis heute fruchtbaren Theorie Kants der Gemeinsinn, die intuitive Einsicht des Menschen in das Menschsein der anderen Menschen und seiner selbst, als Basis auch jedes anderen, nicht nur des ästhetischen Diskurses. Oder volkstümlicher gesagt: Beim Redn komma d Leut zamm, und im Kern kann das die Kunst am allerbesten.

Dass die erlebte künstlerische Freiheit, in der sich die Menschen außerbegrifflich finden, und die Meinungsfreiheit, die beim Anecken erhellende Funken schlägt, Zeichen einer gesunden demokratischen Gesellschaft sind, die im Bayern der 1980er Jahre unter anderem besonders signifikant durch das Verbot einer Scheibenwischer-Sendung zum Thema WAA brüskiert wurde, ist ein Umstand, an den im Kontext dieser Ausstellung 30 nach dem Sieg der Atom-Alternative in der Oberpfalz nicht von ungefähr her erinnert werden soll.

Zu diesem Zeitpunkt wurde auf dem gerodeten WAA - Baugelände im Taxöldener Forst der Freistaat Wackerland gegründet, über den Jahreswechsel 1985/86 entstand ein Hüttendorf, Bild des urdemokratischens Gemeinwesen, das sich gegen die sozial unverträglichen Sicherheitsstandards des Atomstaates positionierte, ganz im Geiste der bayerischen Freistaat-Namensgeber und Gründer 1918, die, allen voran Kurt Eisner, Künstler waren. Dazu empfehle ich zur Lektüre das Buch von Volker Weidermann „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Und sage den Satz, der damals oft gesagt wurde: Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen. Und sage: Wie schön, dass wir im Taxöldener Forst nicht erschossen wurden!

Unter dem Titel „Endlager der Erinnerung“ gehört ein Teil der Ausstellung der Reflexion über die Einrichtung einer WAA-Wackersdorf-Gedenk-Anlage. Auf dem einstigen Baugelände sollen Klein-Denkmäler zum Gedenken derer entstehen, die vor 30 Jahren an der Frontlinie zwischen Staatsraison und bürgerlichem Ungehorsam über ihren Schatten gesprungen waren. In der Ausstellung werden Skizzen für entsprechende historische Hinweis-Objekte gezeigt, die im Rahmen einer Ideensammlung zum Thema entstanden sind. Die Ideensammlung ist noch nicht abgeschlossen.

Besonderer Wert wird auf die Wahrnehmung von Zeitzeugen gelegt, die im großen Zusammenhang Geschichte von Unten geschrieben haben, eine Geschichte, von der kein Hahn mehr kräht, wenn wir nicht selber krähen und das bewahren, was den Wandel in seiner gestaltenden Bleibe-Kraft sichtbar, lesbar und vielleicht sogar verstehbar macht, bevor es zu spät ist.

Wolfgang Herzer