Obacht – peinture a trois 


Regensburger Anarchie im Kunstverein Weiden
Erich Gohl, Andreas Hanauer, Clemens Matejka 

Eröffnung
Mittwoch, 26. Januar 2019, 20.00 Uhr
Musikalische Umrahmung
Death-Lounge-Musik von The Grey Gods

Ausstellungsdauer
26. Januar – 22. Februar 2019

Geöffnet
So 14 – 18 Uhr, Do bis Sa 21 – 24 Uhr
Eingang durch das Vereins-Lokal Neues Linda

Heute am 26.1. 2018, an einem ungewohnten Samstag eröffnen drei Künstler der Regensburger Szene, Erich Gohl, Andreas Hanauer, und Clemens Matejka bei uns Weidenern, eine Ausstellung mit gemeinschaftlich angefertigten Malstücken. Dazu servieren sie auch, teils als Mitglieder der Band und mit der Band „The Grey Gods“ Rock-Geschwurbel, wie mir Andreas in einer Vorbesprechung erklärte, Rock-Geschwurbel vom Feinsten, finde ich, nach einigen Hörproben via Youtube.

Lassen wir uns gleich überraschen. Vielen Dank für Euer Kommen und Euren Auftritt. Vielen Dank auch für die Unterstützung, die uns das Sündigkeit mit Leihmusiksachen wie Schlagzeug etc gegeben hat.

Wir haben heute auf alle Fälle den weitgefächerten Regensburger Underground auf Besuch, nur zu passend in den Wackersdorf-Jahren 2018/19, Leute aus der Donau-Metropole legen an, entern, zum wiederholten Mal, und jedes Mal sind wir nicht beraubt, sondern bereichert. Man denke an die Namen Grun, Schröck, Schwafi, Hangover , die wir inzwischen mit gelungenen Film-, Theater-, Lesungs- und Ausstellungs-Erlebnissen verbinden.

In meinen eigenen Geschichten über eine Stadt mit der Endsilbe WEN in ihrem Namen, stelle ich fest, dass es sich bei diesem WEN nicht um das nordoberpfälzische Oberzentrum handelt, trotz vieler Parallelen gibt es einen markanten Unterschied, Weiden hat keinen Hafen, gefühlt hat es heute einen. Weiden liegt am Meer, am Mehr als man für möglich hält.

Seit mehreren Jahren fordern sich die Drei regelmäßig zu Stifte- und Pinselduellen zu Tisch heraus, deren Ergebnisse mittlerweile an Umfang und Qualität beachtliche Maße angenommen haben.

Im Juni diesen Jahres werden sie Teil einer großen Show in der Städtischen Galerie der Donau-Metropole sein, die das Wirken des „klandestinen Künstlerkollektivs Obacht“ insgesamt zeigt.

In den Werken wird voll in die Bild - und Kunstgeschichte gegriffen und mit viel Witz im Gestus des Expressionismus spannende Message-Melangen hergestellt. Die Ausstellung ist ein Parcours des kunstgeschichtlichen Wiedererkennens.

Alle Darstellungsformen, die das Stilpendel der klassischen Moderne zwischen Abstraktion, Expression und Sachlichkeit ausgreift, fließt in die hier zu sehenden DINA3-Blätter ein, in unserer Ausstellung schließen sie sich neben den wandhoch aufragenden farbigen Papierbahnen, die die Größe und Gestalt von Totem- und Tabu-Zeichen haben, zu einem Marathon-Fries durch mehrere Raumabschnitte zusammen

Beides knüpft auch an eine originär Regensburger Tradition aus dem frühen 20. Jahrhundert an, als die Regensburger Expressionisten-Gruppe „Die Sichel“ und ihr literarisches Mastermind Georg Britting für die befreite Lebens-Fülle und gegen die bürgerlichen Klischees vom Leder zogen, und dann zogen sie auch gleich mit Franz Marc und anderen in den Krieg.

Unter diesem Blickwinkel ist es nicht falsch auf den antiken Hadrians-Fries und seine imperialen Weltunterwerfungs-Darstellungen zu verweisen, nicht falsch, an das Armageddon und die Titanic zu denken und das Obacht-Ganze als Welt-Verhässlichungsmaschine zu begreifen.

Unübersehbar die kichernde, karikierende Grundhaltung, Kunst wird zum Wetzstein des vivisezierenden kritischen Geistes, sie befreit mit den Graphit-Spitzen aller Härtegrade die menschliche Schönheit von der ästhetischen Norm im Zeitalter ihrer technischen Produzierbarkeit, das geschieht hier in Form geiler Hell-Dunkelorgien, wo die Schönheit nicht weiter an Busen - und Hüft-Zentimeter und den besonderen Posen-Code geschmiedet ist. Dürers Mutter stürmt die Barrikaden. Die drei D, Otto Dix, Salvator Dali, Marcel Duchamps und seine bärtige Mona Lisa folgen ihr. Es könnten auch Tick, Trick und Track sein.

Die erlösende Auflösung führt Bild für Bild zu heterogenen Gemengen, zu wilden Anhäufungen mit Sprungbrett-Charakter, der zum nimmer endenden Sprüngen in den Bewusstseinsstrom animieren.

Wir begegnen der Chemie der freien Verbindung rational sachferner Motive, die schon Leonardo kannte, jede Malsession eine Geisterbeschwörung der Bricolage, der Erkenntnis, dass unser Gehirn im Kern Bastl/erin ist.

Die drei Männer, die sich in einem leidlich geheizten Regensburger Hinterzimmer treffen, sind, um jetzt noch etwas genauer zu sein und die gruppeneigenen Facebook-Worte zu verwenden, ... „ der emeritierte Kunstprofessor Erich Gohl (jüngst als Gast bei Gernstl im TV zu bewundern), der Zeichner und Musiker Andreas Hanauer (u.a. Mastermind hinter den Bands schwafi + die spackos, CC7, Original Leberkas Duo) und der bis dahin in Sachen Kunst nur peripher aktive Clemens Matejka, Computerexperte und Musiker (Keyboard bei u.a. den Mystic Eyes und Mass). Ein Profi, ein Semi-Profi und ein Dilettant,

so sagt die autorisierte Selbst-Bewertung des Ästhetik-Trios, und dann geht es wie folgt weiter: ... „ Für eine gelöst-kreative Atmosphäre sorgt dabei stets ein Wohlfühlambiente mit Hefeweizen aus der Plastikflasche, Old-School-Rock aus dem Radio und nach jedem abgeschlossenen Werk die Zigarettenpause auf dem Balkon. Nach gut 150 idiosynkratischen Schwarz-weiß-Bildern verlegten sich die Drei auch auf größere und farbige Formate, u.a. mit Pastellkreide, Acryl-, Ruß-, und Pigmentfarben“.

Soweit Obacht selber.

An unseren Ausstellungswänden gibt es vor allem endlose Bleistift-Fluchten auf DINA 4 abzuwandern.

Danke für den atmosphärisch bunten Ball, der mir da zugeworfen wurde, ich fange auf und gebe ihm meine interpretierende Form, in der ich ihn nun weiterbefördere.

Dabei möchte ich erwähnen, dass die Bildnerei zu Mehreren in der Kunstgeschichte ihren Platz hat. Unterschiedlich ausgeprägt, wie die Künstler und ich in einem kontroversen Gespräch gemeinschaftlich festhalten konnten. Die Gruppe Spur dürfte uns Oberpfälzer da besonders interessieren, 1960 fertigten ihre Mitglieder in Venedig im Palazzo Grassi ein monumentales Wand – und Gemeinschaftsbild, das auch ein politisches Programm-Bild war.

Ihrer Auffassung, die vom Muster des einzelschöpferischen Künstler-Individuums abweicht, folgten im süddeutschen Raum bis in die 1990er Jahre die Münchener Gruppen Kollektiv Herzogstrasse, Weibsbilder, King-Kong-Kunstkabinett und die Regensburger Gruppe Warum Vögel fliegen.

Der Obacht-Mal- und Zeichen-Kreis ist kleiner, privater und jünger, aber dabei auch Hinweis, der den Fokus erweitert. Auch hier folgt man schon im Gemeinschafts-Bild nicht nur zufallsweise einer Mal-Spiel-Tradition, die mit den Surrealisten um Andre Breton als Cadavre exquis, als köstlicher Kadaver bekannt und kunstgeschichtlich relevant wurde. Auch im heutigen Regensburg geht die peinture a trois über den Spaß am Spiel hinaus und zeigt Methode. Ziel ist eine offensive künstlerische Praxis, die den klassischen Kunstbegriffs einschränkt und sich vom Künstlerfürstentum a la Lüpertz trennt.

Der subversive Kollektivismus, der dabei den einzelnen Kreativen als Quellpunkt kritischer Wahrnehmung und allgemein verdrängter, tabuisierter geistiger Inhalte definiert, ist im Regensburg der Obacht-Leute und ihrer Netzwerkerei, die die Stadtwelt aderreich durchzieht, mehr als ästhetische Rhetorik, die am Bilderrahmen aufhört. Er ist ein stabiles Stück gelebter Gegenöffentlichkeit, der man auch einen Namen wie IG-Einmischung geben könnte.

So gibt es kein Thema und keine Stimmungslage in der Dom - und Schlossstadt der Fürstin und der deutschen Single- und Immobilien- Hochburg, die nicht das unblaue Blut im künstlerischen Netzwerk-Kreislauf bewegen und in medial vielseitige Wallung bringen würde.

Mit musikalischen, filmischen, internet-gestützten karikierenden, inszenierenden, romanesken und mundartlichen Tortenschlacht-Geschützen wird seit Jahren aufmarschiert und werden mit den Mitteln raffinierter PR Plätze in der öffentlichen Wahrnehmung besetzt. 

Diese Manifestationen sind nicht nur im lokalen Rahmen interessant, wer die Frage nach dem demokratischen Nutzen von Kunst überhaupt stellt, kann hier  gelebte Antwort bekommen.

Wolfgang Herzer