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Sehr
geehrte Damen und Herren,
liebe
FreundInnen des Kunstverein Weiden, im Sinne
unserer Arbeitsschwerpunkte der Nachwuchsförderung
und der Verbindung unseres deutsch-tschechischen
Grenzlandes mit dem Leben an deutschen und tschechischen
Kunsthochschulen, speziell mit den Akademien
Prag und Nürnberg, stellen in den folgenden
Wochen StudentInnen der Malereiklasse von Prof.
Peter Angermann / Nürnberg in den Räumen des
Kunstvereins aus. Als Einführung in die Ausstellung
„Fett auf Mager“ können Sie hier das Katalogvorwort
von Prof. Peter Angermann lesen.
Ihr
Wolfgang Herzer
Kindergarten1:
Machen wir uns keine Illusionen
Bildende
Künstler produzieren Dinge, die keinerlei praktischen
Nutzen haben, dafür aber umso teuerer sind.
Wenn sie geschickt genug sind, können sie damit
berühmt und reich werden. Die Gesellschaft leistet
sich diesen Luxus überwiegend in Kreisen, wo
Geld und Prestige bereits akkumuliert sind,
weniger dagegen dort, wo, sagen wir mal „Sachzwänge“
im Vordergrund stehen. Daraus scheint zu folgen:
Die Kunst dient dem Ruhm an sich und dem Geld
an sich. Sie adelte dann weniger den Menschen
selbst, als vielmehr seine Mittel. Diese beispielsweise
in ein Sonnenblumenbild von Van Gogh zu investieren,
oder noch besser in ein Becken mit einer eingeweckten
Kuh, bringt den Einsatz an Geist und Geld weit
prächtiger zur Geltung, als ihn bloß einem schnöden
Zweck, etwa dem Bau eines Kindergartens zu opfern.
Da bestünde die Gefahr, dass der offensichtliche
Nutzen den Einsatz selbst in den Schatten stellt.
Es signalisierte weit -weniger drastisch, dass
sich hier jemand so richtig was leisten kann.
Die konkreten Vorteile eines Kindergartens außer
Acht lassend, könnte man sagen: Schade ums Geld!
Investiert man hingegen in Kunst, trübt
kein kleinlicher Utilitarismus den Glanz der
ideellen und materiellen Aufwendungen. Kunst
also dient anscheinend dem Ruhm und dem Geld
an sich, egal, ob man als Künstler oder Sammler,
Kurator, Galerist oder Kritiker auftritt. Dabei
spielt sie allerdings eine eher dekorative Rolle,
verglichen mit anderen Sparten, etwa der Ökonomie,
wo es umschweiflos ums Geld geht, oder dem Leistungssport,
der direkt auf messbare Höchstleistungen abstellt,
also auf Ruhm... Und wir an der Kunstakademie
bereiten junge Leute auf diesen merkwürdigen
Trip vor. Wenn sie begabt, aufmerksam und fleißig
sind, werden sie eines Tages berühmt und reich
werden. Reicht doch, oder?
Kindergarten
2: Machen wir uns doch Illusionen Oder
war da noch was? Etwas, das im gegenwärtigen
Globalisierungsstress ebenso beschworen wie
verkannt und missverstanden wird? Richtig: Die
Bildung! UmimzusehendssichverschärfendeninternationalenWettbewerbbestehenzukönnenunddenWohlstandunddie- zivilisatorischenErrungenschaftenunsererGesellschaftweiterhinundinErmangelungeigenerRohstoffreservenmüssenwirindieKöpfe- unsererjungenLeuteinvestieren.
Wenn wir den anderen, die nicht schlafen, etwas
entgegenzusetzen haben wollen, brauchen wir
Bildung und Forschung, um unsere eigenen geistigen
Ressourcen nutzbar zu machen. Das zahlt sich
dann unmittelbar aus in klingender Münze, in
Ruhm und Geld - - - aber gerade darauf
wollte ich jetzt eigentlich nicht hinaus. Sondern
auf Bildung an sich. Denn anders als Ruhm und
Geld, ganz zu schweigen von der Macht, ist Bildung
tatsächlich ein Wert an sich. Während dem Ruhm
letztlich die Masse genügt, und das Geld die
Tendenz zeigt, den Menschen überhaupt loszuwerden,
ist die Mehrung des inneren Reichtums, der Wertzuwachs
jedes einzelnen Menschen sowie aller zusammen,
die Kultur, das einzig wirklich erstrebenswerte
gesellschaftliche Projekt. Die Alternative ist,
wie sich leider immer wieder zeigt, nicht Armut
und Bedeutungslosigkeit, sondern die Barbarei. Was
nun die Bildung betrifft, und zwar die Bildung
an sich, und nicht etwa nur die Ausbildung im
Hinblick auf ihren späteren wirtschaftlichen
Nutzen, so ist die Kunst hier nach wie vor die
Speerspitze des Fortschritts. Anders als die
so genannten „harten Wissenschaften“, die sich
ohne weiteres als technik- und wirtschaftskompatibel
erweisen, und mehr als die „weichen“ Geisteswissenschaften,
die sich immerhin noch um Objektivität und eine
gewisse Verbindlichkeit mühen, besteht die Kunst
prinzipiell auf ihrer Autonomie. Das ist ihr
Wesen. Die Kunst ist der Glauben des Menschen
an sich selbst. Es gibt keine Vorschriften.
Nur die Entscheidungen des Künstlers und des
Publikums zählen. Damit garantiert die Kunst
einen Freiraum des Geistes und den Bestand des
humanistischen Menschenbilds, beides Ideen,
auf die sich das Abendland was zugute halten
kann. Ob dieser Freiraum, diese kreative Spielwiese,
dieser Kindergarten in alt hergebrachter. Weise
brav zum avantgardistischen Experiment genutzt
wird, oder in eher ketzerischer Weise etwa zu
konventioneller Portraitmalerei in Öl, oder
zu noch abgedrehteren Dingen, sei dahingestellt.
Wichtig ist, dass er innerhalb der Gesellschaft
möglichst präsent und sichtbar ist, um bildnerisch,
bildend wirksam werden zu können. Deshalb
veranstalten wir 2006 eine Klassenausstellung
in den Kunstvereinen von Hof, Weiden und Schwabach,
sowie in der Ausstellungshalle der Akademie
der Bildenden Künste in Nürnberg. Nicht alle
Studierenden sind mit Arbeiten in der Ausstellung
vertreten, vielmehr habe ich im Interesse einer
konzentrierten und spannenden Auswahl kuratieren
müssen. Die diesmal nicht dabei sind, mögen
es nicht krumm nehmen und sich künftig noch
mehr ins Zeug legen.
Es
handelt sich um gegenständliche Malerei, der
vorherrschenden künstlerischen Position in meiner
Klasse, die ich folgendermaßen beschreiben würde:
Das Wesentliche an der Bildenden Kunst
ist es, wie der Name schon sagt, Bilder zu machen.
Man macht sich ein Bild von etwas, das heißt,
man nimmt wahr. In dieser Hinsicht sind tatsächlich
alle Menschen Künstler, gemäß Joseph Beuys.
Doch das besondere an der Kunst besteht nun
darin, dass man seine Wahrnehmung dezidiert
mitteilt, und zwar nicht bloß ihr Resultat,
sondern den gesamten Wahrnehmungsprozess, welcher
aktiv und passiv zugleich ist. Der Maler beteiligt
andere an seinem Wahrnehmungsprozess, den er
in seiner Arbeit offen legt. Den lebendigen
Sehvorgang zu modellieren, macht gerade im Zeitalter
der automatischen Bildgewinnungsverfahren ganz
besonders Sinn. So etwas ist eine großartige
Aufgabe, ein Pionierjob ohne gleichen. Ich gehe
soweit, zu behaupten, die Welt sei auf vergleichbare
Weise erschaffen worden: Die Evolution beruht
auf dem Prinzip, dass sich Wahrnehmungspfade
etabliert haben, und die Welt, die wir vorfinden,
ist nichts weniger als etwas Abgeschlossenes,
Fertiges, mehr oder weniger intelligent Designtes,
sondern die Zwischenbilanz aller Wahrnehmung
aller Lebewesen. Als Künstler ist man jemand,
der diese Dynamik auf besondere Weise vermittelt.
Indem man malt, macht man nicht nur sichtbar
was, sondern auch wie man sieht, wie das Sichtbare
aus uns entsteht, auf welche Weise es sich als
vorhanden erweist. Mit Malerei und Zeichnen
modellieren und kommunizieren wir nicht nur
das was wir sehen, sondern vor allem den Wahrnehmungsprozess
selbst, das Sehen selbst. Keine andere Beschäftigung
auf dieser Welt leistet das als die gute alte
Malerei und Bildhauerei, und über das rein Visuelle
hinaus, auch die anderen alten Künste: Singen,
Tanzen, Schauspielen, Dichten, bei denen allen
es sich natürlich um weit mehr als um bloße,
blasse Medien handelt, sondern um grundlegende
Lebensäußerungen wie Atmen und Essen. Auch
wenn man natürlich nicht bei jedem Pinselstrich
solche Gedanken wälzt, sondern die Motivation
sich aus ganz anderen, aus den unterschiedlichsten
Quellen speist, und auch wenn für das Publikum
sicherlich und ganz zurecht die Unterhaltung
im Vordergrund steht, sollte man doch ab und
zu den einzigartigen Bildungswert unserer Tätigkeit
hervorheben. Gerade wenn es sich um die frische,
suchende, immer wieder überraschende Wahrnehmung
von Nachwuchskünstlern handelt! Und wenn diese
hier und heute in der wohl vertrauten Form der
Tafelbildmalerei auftritt, bedenken Sie: Die
Kunst entwickelt sich nicht linear. Grundlegend
erhellend ist eigentlich immer wieder nur die
Erfindung des Rads.
Peter
Angermann
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