Heimatkunde – Benning, Geierstanger, Hart, Wittmann

Nicht nur die Bilder dieser Ausstellung erzählen Geschichten und bringen dabei speziell Heimatkundliches vor. Das Zustandekommen der Ausstellung selber ist schon eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Sind doch darin nach den Anweisungen des Regisseurs Zufall einige Wunschbilder unserer Vereinsarbeit wie von selber wahr geworden. Hierbei hat sich unsere Sammlung an Äußerungen eines regionalen Selbst, das über den eigenen Tellerrand hinausschaut, vergrößert.

Den Anstoß zur Ausstellung, die der Abschluß-Lesung der 22. Weidener Literaturtage zum Thema „Heimat“ die stimmige Kulisse bieten sollte, gab eine Fotografie von Kurt Benning. Sie gehört zu dem Zyklus, der jetzt rund dreißigteilig im Kunstverein hängt.
„Deutsches Dorf im Winter“ gibt es nun auch als Buch. Damals befand sich besagte Fotografie auf dem Einband des Oberpfälzer Romans „Goldmarie - Pechmarie“. Die Autorin Marianne Ach, die zum Erscheinen des realistischen Buches mit ihrem Passauer Verleger Karl Stutz 2004 im Kunstverein gastierte, löste in einem Dorf nahe Weiden bei manchen, die sich wiederzuerkennen meinten, Betroffenheit aus. Beide, Ach und Benning, leben seit langem in München. Einen Bauernhof aus Waldau, im Schatten der Burg, zeigt die Fotografie von Benning, das sich im Auge des kubistischen Bildhauers zum Denkbild kristalliner Geometrie verdichtet. Still-Leben mit Häusern. Inbilder der Abgeschottetheit. Grenzland-Klima. Schweigend treten die spitzgiebeligen Baukörper vor dem Besucher, Heimkehrer und Fotografen in der winterlichen Dämmerung auseinander. Leere Strassen und Durchgänge öffnen sich. Verwinkelte Kuben lassen uns durch. Ihre Kanten vergittern scharfgeschnitten in kompositorischer Strenge die Bildflächen.

Es ist auch eine Kindheits-Reminiszenz des gebürtigen Pleysteiners aus der Nachkriegszeit, aus seiner Zeit des Bauklötzchen-Bauens und sommerlicher Wanderungen mit der Großmutter von Pleystein zur Tante nach Waldau.

Der 1945 Geborene, der seit seinem Akademie-Studium 1965 – 69 in München als Foto- und Video-Künstler, als Bildhauer, Zeichner und Autor freischaffend lebt, ist der Oberpfalz treu geblieben. Diese ist seit mehr als 30 Jahren Gegenstand seiner mentalen Bindungen ebenso wie seiner vielfältigen künstlerischen Tätigkeiten.

Im Regensburger Universitätsgelände im Bereich der chemischen Fakultät steht eine zwei Meter hohe abstrakte Skulptur, vier Würfel umschließen eine Öffnung. Massen. Sie werden von der unsichtbaren Macht der Leere bewegt, die die Lebensgestalten hervor- und zurückruft. Diesen Lebenszeichen im Dazwischen, im ungenormt Eigenen widmet Benning seine Arbeit.

So ist u.a. die Reihe von mittlerweile 150 Video-Portraits zu verstehen, die er unter dem Titel „Leute in München“ mit Hermann Kleinknecht anfertigt. Das Bestreben, damit quer durch alle sozialen Schichten ein Gesamtbild gewinnen zu wollen, macht die Idee dieses Projektes mit der zentralen Arbeit von August Sander „Menschen des 20. Jahrhunderts“ vergleichbar, doch die klassifizierende Status-Pose tritt hier in den Hintergrund; die Menschen werden privat erreicht, sie positionieren sich frei assoziativ, berichten spontan von all dem, was ihnen zufällig durch den Kopf geht.

„Nachrichten von Gestern“, eine indviduelle Auswahl von SZ-Fotos, die der Künstler seit 1970 sammelt, ist nicht nur die Hommage an ein intelligentes Kommunikations-Mittel. Gleichzeitig ist hier der einzelne Leser ein Stück kollektives Gedächtnis, ein Teil der weltumspannenden Wechselbewegung von Erinnern und Vergessen, in der unter anderem auch visuelle Archetypen unserer Selbst- und Welt-Vergewisserung entstehen, sich auf Rangstufen bewegen, dauern, fast spurlos wieder verschwinden. Schnee von Gestern. Deutsches Dorf im Winter.

So beeindruckend auch die Benning-Arbeit ist, die Einzelausstellung, die das „Deutsche Dorf im Winter“ an den Kunstvereins-Wänden nachgebaut hätte, wäre eine sehr frostige Angelegenheit geworden. Keineswegs wollten wir den Klischees vom Notstandgebiet Oberpfalz Vorschub leisten. Und wir „fanden“, ohne wie sonst suchen zu müssen, als wenn Weiden auf einmal eine Kunstszene hätte, deren kreative Rei-bung Funken sprüht. Die Ausstellung Heimatkunde fällt uns wie eine reife Frucht in den Schoß.

Ein ehemaliger Neustädter, Christian Weiß, hat Sehnsucht nach Daheim. Der Kunststudent an der Akademie München, der sich gerade mit einem Installations-Projekt beschäftigt, „Wurzeln“, ein Kakteen-Stammbaum, der bereits achthundert Generationen umfasst, bekommt bei diesem Heimat-Urlaub ein neuartigen Stallgeruch in die Nase, der normalerweise nach München gehört und hier in den Kunstverein Weiden führt.

Zusammen mit den „Comics aus Everywen“ von Omar Sheriff treten drei Positionen miteinander in Verbindung, die zwar extrem auseinan-derliegen, aber wie die Winkel eines Dreiecks zusammengehören. Zwischen diesen Punkten breite sich die Oberpfalz aus, komplexer und heutiger, als man zu glauben gewohnt ist.

Tatort Döner-Stand. Omar Sheriff fliegt raus.

Denn mit Thomas Hart, dem der Zufall zeitgleich mit Gabriele Hammer & mir Fast-Food-Beine gemacht hat, verbindet mich eine Erinnerung an Linolschnitte, die ganz zum Thema Heimatkunde passen. Besagte Erinnerung nutzt die Zeit, während wir auf den Döner warten, um ans Licht zu kommen. Der 1976 in Weiden geborene Thomas Hart hat an der Kunstakademie München bei Fridhelm Klein studiert und arbeitet jetzt als Dozent am „Freien Institut für Kunst und Design“ in Neustadt an der Waldnaab. In seinen zeichnerischen, malerischen und druck-technischen Darstellungen wendet er einen einzelding-betonten Umriß-Stil an, der die Form, das Volumen und den Raumbezug der Gegenstände in kompakten, tendentiös ornamentalen Linien zusammenschließt. Seine Sujets entnimmt er mittlerweile vorwiegend dem autobiographischen Lebenszusammenhang, der persönlichen und künstlerischen Ortsbestimmung, deren wichtiger Bestandteil ein alljähr-liche 120 Kilometer langer Etappen-Marsch zum Nordkap ist. Die Präsentationen nehmen gern installatorischen Charakter an. „Hast Du noch diese Linolschnitte?“ „Zwei oder drei. Eigentlich ist das eine abgeschlossene Arbeit...“ “Und wenn Du bis April doch noch welche machen würdest...?“ „...OK!“ “Döner - mit alles?“ “Ja bitte.“ Im Steh-Tisch-Brain-Storming wurde der Titel geboren: „Home is where the Hart is“. 40 Gegenstände in 2 Bildblöcken. Zu jedem Bild gehört ein hand-schriftliches Textblatt, das die persönlichen Hintergründe erläutert. Koffer, Staffelei, Bierkrug, Schuhe, Messer, immerwieder Wander-Fund-Stücke, Aquarium, „Hartls“ Insulin-Spritze, Lampe, Topfpflanzen, die alte Lautsprecher-Box aus dem Auto usw. Belanglose Objekte, Zufalls-Funde. Im Linolschnitt, der ihr Inneres nach Außen bringt, sind sie Knotenpunkte eines irrationalen, magischen Weltgefüges, ohne das alles zusammenbrechen würde.

Rückschlag. Die Wiedergabe Oberpfälzer Verwurzelung via Kakteen wurde nichts. Weiß war was dazwischengekommen. Halb so schlimm. Der gute Stern, der uns leuchtete, war die Ausstellung „Fett auf Mager“ mit den Nürnberger Student/innen von Prof. Peter Angermann. Sie lockte unter der Leitung von Gabi Busch, einer Wegkundigen von hier, Kommiliton/innen aus München, speziell aus der Klasse Wähner an. Auf die Frage des Vereinsleiters, was sie denn selber so täten, stellte sich heraus, dass Florian Geierstanger (geb. 1982 Oberstdorf/Allgäu) und Andreas Wittmann (geb.1983 Regensburg), genau das machen, malen, installieren, was unserer Heimatkunde-Ausstellung zur Abrundung noch abging. Ihr seid engagiert. Beide studieren seit 2003 bei Klein und Wähner. Geierstangers Studienbereiche sind, Film, Video, Installation. Nach Zivildienst in Bolivien und freiberuflicher Arbeit als Web-Designer wirkte er an verschiedenen Spiel- und Dokumentar-Filmen mit. Von ihm selber sind seit 2001 7 Dokumentarfilme im In- und Ausland entstanden. Sein Beitrag zur Ausstellung „Heimatkunde“ in Weiden besteht in einer Bild-Ton-Installation mit dem Titel „Spur“. Ein Film-Still zeigt ein Stück Trampelpfad im Schnee, im weißen Nirgendwo. Es ist eine Abkürzung, auf der ein Mann von einem Dorf-Teil zum anderen gelangt. Das erklärt eine Stimme aus dem Off. In der kurzen „dokumentarischen Bildbeschreibung“, die der Sprecher in der Ich-Form vorträgt, entsteht die Imagination des ganzen dörflichen, im Bild unsichtbaren Kosmos.

Wittmann ist Maler. Sein Thema ist das Clair-Obskur, der harte, dramatische Hell-Dunkel-Kontrast, den er aus knappen, heftigem Gestus entwickelt. Dieses Ausdrucks-Moment, das in Renaissance und Barock  den Gegensatz von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits verbildlichte, verbindet Wittmann nicht ohne Ironie mit den klassischen, aber verbrauchten Stimmungs-Motiven, die das Per-Du-Sein mit der Natur suggerieren sollen, wie Segelschiff, Bauernhof, Blume, Pilz.

Nicht zuletzt haben wir es hier auch mit einem Stück der Oberpfalz zu tun. Wir freuen uns ihre Seen, Wälder und Gehöfte in der klugen Reflexion zeitgenössischer Malerei zu sehen. Heimatkunde, die in die Zukunft schaut. Freuen Sie sich mit uns über den starken Nachwuchs.                                                                                                                                  

Wolfgang Herzer

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